Valeria Koch war eine ungarndeutsche Dichterin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie starb mit 48 Jahren, hinterließ aber ein Werk, das einen großen Beitrag zur Identität und dem Selbstbewusstsein der ungarndeutschen Gemeinschaft leistete. In Fünfkirchen/Pécs wurde vor zwanzig Jahren ein bilinguales Schulzentrum – mit Kindergarten, Grundschule und Gymnasium – nach ihr benannt. Dort wird jungen Menschen nicht nur die deutsche Sprache beigebracht, sie sollen auch das Erbe ihrer Vorfahren kennenlernen – und weiter in die Zukunft tragen. Von Christina Arnold
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© Valeria-Koch-Bildungszentrum

Abschlussfeier 2026, Mitte Juni, in der Grundschulabteilung des Valeria-Koch-Bildungszentrums in der südungarischen Komitatshauptstadt Pécs, deutsch: Fünfkirchen. Mit Rosenblüten geschmückte Flure empfangen die Eltern, Großeltern und die Kinder, um den Abschluss der 58 jungen Menschen in den drei Klassen des achten Jahrgangs zu feiern. Zwei Moderatoren begleiten den Festakt zweisprachig, auf Ungarisch und Deutsch. Lieder werden gemeinsam gesungen, in beiden Sprachen. Und nachdem feierlich die ungarische Nationalhymne gespielt wurde, erklingt auch die Hymne der Ungarndeutschen.

Es ist für die meisten nur ein symbolischer Abschied: Fast alle Schülerinnen und Schüler der Bildungseinrichtung werden auch ab September wieder herkommen, ihre Gymnasialzeit beginnt in drei Monaten. Auch Lina und Ioannis Wehrmann bleiben der Schule treu. Die Zwillinge zogen vor fünf Jahren aus Deutschland in die einstige Heimat ihrer ungarndeutschen Mutter. Dass sie auf die Valeria Koch Schule gehen wollten, stand für die Geschwister schnell fest. »Mir war wichtig, dass hier jeder Deutsch kann und mich versteht«, meint Lina. Sie besucht mit ihrem Bruder die gleiche Klasse 8/A. »Mir gefallen vor allem die Volkskundestunden. Ich habe viel über die Herkunft meiner Mutter erfahren.« Ihr Bruder Ioannis nahm sogar an einem Wettbewerb in Volkskunde teil – und gewann.

KK 1451

Dieser Artikel erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526

Manche von den Schülerinnen und Schülern verbrachten sogar schon ihre Kindergartenjahre in dieser Institution oberhalb der Stadt, dort, wo einst die Weinhänge waren. Unlängst feierte sie ihren 30. Geburtstag. »Damals war das Interesse an der deutschen Sprache und an den Traditionen besonders groß«, begründet Gábor Frank, der erste Direktor der Bildungseinrichtung, die Initiative zur Gründung. Kindergarten, Grundschule und Gymnasium, ergänzt noch vom Wohnheim für die Kinder von auswärts, sind gleichermaßen von der ungarndeutschen Identität geprägt. Das Pausenklingelzeichen, die Klarinettenpolka, schlug schon Ibolya Hock-Englender, die folgende Direktorin und heutige Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen vor.

Es gehört ebenso mit zum besonderen Ausdruck der Schule, wie die Blaufärberstoffe als Zierde an den Wänden und die deutschsprachigen Gedichte überall. Aphorismen von Schiller und Goethe sind auf die Vorderseiten der Treppenstufen geschrieben und auf den Wänden in den Klassenzimmern finden sich Zitate von ungarndeutschen Dichtern und Dichterinnen, wie der Namensgeberin Valeria Koch. »Tag für Tag sollen die Kinder den Traditionen und der deutschen Sprache begegnen, und das auch im Pausenbereich, während sie das so beliebte Frikadellen-Sandwich verzehren«, sagt Hock-Englender. Die politische Landesvertretung der deutschen Nationalität, die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, ist Trägerin der Schule. Die Trägerschaft bietet viele zusätzliche Möglichkeiten, wie etwa die ständige Weiterbildung der fachlichen Kompetenzen der Lehrkräfte durch Kurse und Fortbildungen auch im Ausland.

Das Valeria-Koch-Bildungszentrum sieht sich als eine Begegnungsschule, wo nicht nur ungarndeutsche Kinder aufgenommen werden, nichtsdestotrotz gilt das ungarndeutsche Bildungsprogramm der Schule für alle, darauf liegt bis heute der Schwerpunkt. Fast die Hälfte der Schülerschaft kommt aus sogenannten schwäbischen Familien, so werden die Ungarndeutschen mit Sammelnamen im Alltagsgebrauch genannt.

An jeder Ecke in der Schule findet man etwas aus dem Leben der Ahnen, Gedenktafeln für besondere Persönlichkeiten oder geschichtliche Ereignisse wie die Vertreibung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Trachten lernen die Schülerinnen und Schüler bei einem Quiz auf der Internetplattform Kahoot kennen, Volkstänze in der Sportstunde, Rezepte werden ausprobiert, statt sie auswendig zu lernen und immer wieder stehen Besuche in ungarndeutschen Dörfern an – der 1991 eingeführte Volkskundeunterricht stellt sich den neuesten Herausforderungen, um den Kindern den Stoff so erlebnisreich wie möglich zu vermitteln.

Denn auch die Valeria-Koch-Schule muss um ihre Schüler kämpfen. Einst machten die Deutschen in Fünfkirchen dreißig Prozent der Bevölkerung aus. In den 1990er Jahren war das Interesse für die deutsche Sprache und den zweisprachigen Nationalitätenunterricht so groß, dass alle Schulen der Stadt überfüllt waren und eine weitere Bildungseinrichtung erforderlich war. Das Schulgebäude wurde rundum erneuert, es bietet jetzt Platz für insgesamt fast neunhundert Lernende. Mittlerweile aber gehen landesweit aus demografischen Gründen die Schülerzahlen zurück – und zugleich ist das Angebot an guten Schulen hoch. Immer schon zählt die Valeria-Koch-Schule auch auf die Kinder von Familien aus den umliegenden Dörfern, wo die Assimilation noch nicht so vorangeschritten ist, und die deutsche Sprache in den Familien tatsächlich noch im Alltag gebraucht wird. Aber es braucht viel mehr als nur Schiller-Sprüche auf der Treppe und Blaufärber an den Wänden, damit sich die Eltern und ihre Kinder für diese Bildungseinrichtung entscheiden. »Ich habe hier vor zwei Jahren Abitur gemacht«, erzählt die Cousine der Zwillinge, Heidi Gerner. »Und weil ich diese Schule so mochte, habe ich sie gerne weiterempfohlen.« Mund-zu-Mund-Propaganda zählt bei der Schulwahl mehr als positive Statistiken.

Einer der wichtigsten Anziehungspunkte der Schule ist der Deutschunterricht auf hohem Niveau. Schon im Kindergarten der Bildungseinrichtung wird ausschließlich Deutsch gesprochen. So werden die Kinder auf die Herausforderung vorbereitet, nicht nur dem Deutsch-, sondern auch dem Mathematik-, dem Biologie- oder dem Geschichtsunterricht auf Deutsch zu folgen. »Das Interesse an guten Deutschkenntnissen hat zwar durch das Florieren der englischen Sprache deutlich nachgelassen, nichtsdestotrotz ist ein deutsches Sprachdiplom ein Vorteil auf dem Arbeitsmarkt und bedeutet auch Pluspunkte bei Universitätsanmeldungen«, erklärt die derzeitige Direktorin Agnes Amrein-Pesti. Sie gibt aber auch zu, mit sinkenden Anmeldungen in den Gymnasialklassen zu kämpfen. Statt der geplanten drei Klassen starten ab September nur zwei ins neue Schuljahr.

Dabei sei die Existenz einer deutschen Schule sehr wichtig, findet sie. Denn die deutsche Minderheit habe in Ungarn immer schon eine Brückenfunktion zu den deutschsprachigen Ländern gehabt, sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher und ebenso auf kultureller Ebene. Die Schulkinder empfangen regelmäßig Schülergruppen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz und nehmen selbst an Austauschprogrammen teil. Amrein-Pesti sagt: »Viele Abiturienten setzen mittlerweile die erlangten Deutschkenntnisse in ihrem beruflichen Alltag ein. Sie arbeiten als Lehrer, Ärzte, Juristen, Politiker oder Diplomwirte und helfen, die Auslandsbeziehungen zu stärken und tragen zur Völkerverständigung bei.« 
In der Grundschule ist der Festakt nach eineinhalb Stunden vorbei. Die Achtklässler betreten ein letztes Mal ihren Klassenraum. Die Ferien beginnen. Im September werden sie schon Gymnasiasten sein. Die Zwillinge Lina und Ioannis werden auf der Schule bleiben und eine Etage höher ziehen. Sie gehen in dieselbe Klasse, aber nebeneinander sitzen wollen sie lieber auch weiterhin nicht. Andere entscheiden sich, mit der guten Sprachausbildung an ein anderes Gymnasium in Fünfkirchen zu gehen. Fünfkirchen hat mehrere Elitegymnasien zu bieten. Die Aufnahme an deutschen Universitäten ist oft eines der Ziele der Jugendlichen. Dafür ist die Valeria-Koch-Schule besonders geeignet, denn neben dem Abitur bietet sie auch ein deutsches Sprachdiplom, das einen nahtlosen Übergang in das deutsche Bildungssystem ermöglicht. Doch auch in Fünfkirchen gibt es die Chance, die deutsche Sprache im Rahmen eines Germanistikstudiums auf höchster Ebene zu studieren. Einige Absolvierende kehren nach einem solchen Abschluss als Lehrkraft in die Schuleinrichtung zurück.

Heidi Gerner studiert inzwischen auf Lehramt und möchte später als Unterstufenlehrerin in das Valeria-Koch-Bildungszentrum zurückkommen. Das ungarndeutsche Kulturerbe hat sie dabei besonders im Sinn. »Ich habe beispielsweise extra einen Tanzkurs belegt, damit ich eines Tages V0olkstanz unterrichten kann«, schwärmt die Studentin. Vielleicht werden dann zukünftig einmal ihre eigenen Schülerinnen und Schüler auf dem Abschlussfest der Achtklässler vortanzen.