Ein Ferienausflug in eine pittoreske Gegend sollte ein Erlebnis sein, das fröhlich stimmt! Doch mehr als ein »Man sieht, dass es auf Böhmen zugeht. Dort muss man immer mit jedem Wetter rechnen« werden Irmas Töchter, die 19-jährige Nina und die 17-jährige Katja, nicht zu hören bekommen. Wolfgang, Irmas Ehemann und Vater der beiden Schwestern, vermittelt den jungen Leuten – Katjas Freund Jonas ist auch mit von der Partie – etwas mehr Wissen: »Wir sind hier auf der E55. Die beginnt in Helsingborg in Schweden und endet in Kalamata in Griechenland. Unter unseren Rädern liegt ein Stück Europa.« 1987 ist dieser Satz, der die europäische Geschichte als Einheitserfahrung nahelegt, eine Wucht. Doch kein Mensch in dem vollgestopften Lada geht darauf ein.
Irgendwann fangen die Schwestern an, zu singen. Die Mutter wird angesteckt und summt ein tschechisches Lied vor sich hin. Sehnsucht und Trauer schwingen bei Irma mit. Der Grund dafür bleibt im Dunklen. Erst nach Irmas Tod wird Nina, die sich ein Leben lang für den Familienzusammenhalt und insbesondere für ihre Mutter verantwortlich fühlt, noch einmal ins tschechische Riesengebirge aufbrechen. »Eine Landschaft des Todes« assoziiert Nina beim Anblick ihrer toten Mutter. Sie erfährt ein »Überschwemmtwerden von etwas, für das einem die Worte fehlen. Das aus einer Schwärze tief im Inneren kommt, die einen in Panik versetzt.« Heilung verspricht sich Nina von einer Reise, die sie an den Geburtsort ihrer Mutter unternimmt: nach Arnau/Hostinné in Böhmen. Als ein »Stück Europa« erfuhr diese Region im Zweiten Weltkrieg Verwüstung und Zerstörung – äußerlich wie innerlich. Trotz der Verwerfungen mussten die Überlebenden irgendwie weiterleben. Auch Mutter Irma hat überlebt. Ihr Schweigen fühlt sich jedoch für die Familie wie eine Ringmauer an. Eingehüllt in ihren biografischen Panzer lässt die einstige Mathematiklehrerin niemanden an sich heran und bleibt ihr ganzes Leben lang depressiv. Nachdem Katja und Wolfgang ein Leben ohne Irma begonnen haben, kümmert sich nur noch die ältere Tochter um sie.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526
Die Autorin Claudia Rikl und Nina, die Hauptfigur ihres Romans Elbland, verbindet die gemeinsame Herkunftsregion ihrer Familien: Böhmen. Verbunden ist die Autorin mit Nina aber auch durch das Schweigen von Großmüttern und Müttern, die nicht willens waren oder keine Kraft hatten, Fragen zur Familiengeschichte zu beantworten. Als auktoriale Erzählerin nimmt sich Rikl heraus, die Familiengeschichte von Ninas Mutter und Großmutter exakt zu rekonstruieren. Sie tut dies in einer eigens dafür vorgesehenen Zeitleiste, die um 1940 beginnt und bis in die Nachkriegszeit reicht. Eine solch detailreiche Entschlüsselung der Vergangenheit, in der alle Rätsel gelöst werden, hätte sich die Autorin wohl auch für die eigene Familiengeschichte gewünscht. Eine vollständige Aufarbeitung ohne Lücken und Leerstellen gelingt jedoch nur in der Fiktion – das ist die pessimistische Botschaft von Rikls Buch. Und die optimistische lautet: Jeder Mensch, der sich auf Spurensuche begibt, wird belohnt. Der Versuch der Aufarbeitung verleiht dem eigenen Leben einen neuen Schwung und durchbricht den bösen Zauber, der auf der Vergangenheit lastet.
Claudia Rikl: Elbland
Ullstein Verlag, Berlin 2026, 368 S.
ISBN 978-3-550-20446-3